Cosa Nostra
March 2, 2008 17:40John Dickie hat auf gut 500 Seiten die Geschichte der Mafia umrissen. Nicht mehr aber auch nicht weniger. Es ist ihm ausgezeichnet gelungen den Spagat zwischen wissenschaftlichem Text und Roman zu finden. Die Tatsachen werden so berichtet, wie sie durch Quellen abgesichert sind, aber sie sind in einen flüssigen Text gebettet, sodass viel Unterhaltungsliteratur sich eine Scheibe abschneiden könnte.
Die grobe Struktur des Buches ist die Zeitleiste von 1860 bis 2006, die feine Struktur sind einzelne Episoden deren Zusammenhang gewährt wird und so das Verständnis erhöht wird, auch wenn man weder mit Begriffen wie Namen vertraut ist. Verständnisfördernd wirken auch die Karten von Italien, Sizilien und Palermo auf den ersten Seiten, sowie das Glossar und das detaillierte Register am Ende. Weniger gelungen ist die Einbindung der 2 Bildteile, die man sich an der entsprechenden Textstelle wünschen würde.
Die Mafia, der Staat im Staat, übt spätestens seit Mario Puzos Paten eine besondere Faszination auf die Menschen rund um den Globus aus, aber das Bild von Don Vito Corleone ist stark idealisiert und teilweise auch falsch gezeichnet. John Dickie versteht es, diese Auffassung der Mafia in ihre weiteren Dimensionen auszudehnen. Ehre und Familie sind demnach nur ein Nebeneffekt der ehrenhaften Tätigkeit, der Hauptzweck besteht in der Gewinnmaximierung durch Geschäfte jenseits der Legalität. Die Auswahl der Geschäfte erfolgt nach der maximalen Marge und die Durchführung der Tätigkeit mit allen Mitteln, von der banalen Gewalt gegen Widersacher über Erpressung der Geschäftspartner bis hin zu politischer Einflussnahme in allen Instanzen. Die Organisation des Staates im Staat lebt dabei nach strengen Regeln, die genauso konsequent für gute Zwecke gebogen werden, wie die Regeln der umgebenden Gesellschaft ignoriert werden.
Cosa Nostra zeigt den Frontverlauf zwischen Gut und Böse im Wandel der Zeit und behandelt dabei vor allem auch den interessanten Bereich in der Grauzone, da er die Waffen liefert, die die beiden Staaten einsetzen: Auf der einen Seite die pentiti, auf der anderen Seite die korrupten Politiker und Beamten. Neben dem nüchternen Bericht erlaubt sich der Autor am Ende einen optimistischen Ausblick, dass das Gute doch siegen könnte, wenn das Volk dem Staat im Staat die Steuern (den pizzo) verweigert und sich ein wenig von der italienischen Mentalität “tutti colpevoli, nessun colpevole” emanzipiert.
Categories: books
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